‚Wie sollte es denn sein?‘

Ich habe vorhin beim Ausparken ein anderes Auto angetippt. So leicht, dass ganz klar war, dass da nichts passiert sein kann. Ich wollte gerade aussteigen und nachschauen, da kommt schon die Besitzerin und meint, das passe schon, aber wie kann man nur so blöd sein, wenn man nicht fahren kann, dann soll man es lassen usw. usw. Ich bin quasi vor den Beschimpfungen geflüchtet, während ich noch im Rückspiegel sah, wie sie bei einer Passantin weiter schimpfte.

Danach war ich wie in Trance einkaufen, die dumpfe Glocke hat sich sofort drauf gelegt. Ich habe das meinem Mann erzählt, der nicht der Meinung war es gäbe für mich einen Grund mir sorgen zu machen, dann habe ich meine Freundin angerufen um mit ihr etwas tiefer in meine Gefühle hineinzuschauen. Denn wenn die Glocke da ist und ein unbestimmtes Grauen, dann ist es alleine sehr schwer.

Und es gibt viele Aspekte.

Als allererstes habe ich Angst, sie könnte dann doch zur Polizei gehen und sagen, dass ich Fahrerflucht begangen hätte. Es gibt zwar keinen Schaden, und sie hat gesagt ich kann fahren, weil nichts passiert ist, aber möglich ist alles.

Als zweites merke ich den Wunsch, sie wiederzufinden und mit ihr alles zu klären, damit wir wieder gut sind, auch wenn ich sie nicht kenne, damit mich keine große unbekannte Strafe ereilt.

Ich kenne die Frau aber nicht, also muss ich damit leben, dass ich das nicht tun kann. Das ist schwer. Ich fühle rein.

Ich bin unter ihren Beschimpfungen eingeknickt und bin, nachdem sie es mir ‚erlaubt‘ hat, einfach weggefahren, geflüchtet. Ich hätte für mich aber etwas anderes gebraucht. Ich hätte aussteigen sollen und mich überzeugen sollen, dass wirklich nichts passiert ist, ich hätte mir die Nummer notieren müssen, ich hätte trotz ihrer Beschimpfungen ein Gespräch zumindest versuchen sollen.

Aber in dem Moment war ich nicht in meiner Mitte und nicht in meiner Kraft. Ich bin richtig zusammengebrochen innerlich und davon gelaufen.

Und dafür verurteile ich mich. Doch das ist genau de zweite Pfeil mit dem ich selbst auf mich schieße.

Ich erinnere mich an den Spruch aus dem Selbstmitgefühlskurs: ‚Wir brauchen unser Mitgefühl weil es uns schlecht geht und nicht damit es uns besser geht.‘

Ja, ich hätte besser reagieren können, ich lege zum Trost eine Hand auf mein Brustkorb und spüre sofort die Trauer auftauchen. Ich kann es nicht mehr ändern, es ist wie es ist.

Es tut richtig gut, diesen empfindsamen, verletzlichen Anteil zu sehen und mich ihm liebevoll zuzuwenden, gerade weil ich einen Fehler gemacht habe.

Wir brauchen keine Moralpredigt oder Standpauke wenn wir einen Fehler gemacht haben, wir brauchen unseren Beistand und unser Mitgefühl.

Ich kann spüren, wie empfindlich und verletzlich wir alle sind, das ganze Leben ist, wir Menschen haben keine Kontrolle darüber was passiert, die Dinge passieren einfach. Heute hatte ich so gesehen Glück, dass keinerlei Schaden entstanden ist.

Das alles ist schon drei Stunden her, und trotz all der Arbeit damit, hängt immer noch ein dunkler Schatten über mir. Was ist denn noch los?

Ich fühle rein, etwas widerwillig, aber es hilft nichts, etwas ist noch da, ich habe gerade im Off gefrühstückt, könnte fast nicht mehr sagen was es war, geschweige denn dass ich irgendetwas geschmeckt hätte.

Und ich will wirklich wissen was es ist.

‚Ich will mich nicht so fühlen, das ist ungerecht, es war alles ok, und jetzt ist nicht mal wirklich etwas passiert und ich fühle mich schon drei Stunden so, als hätte ich Fahrerflucht begangen.‘

Hast du denn Fahrerflucht begangen?

‚Nein. Die Besitzerin hat alles mitbekommen, sie hat gesagt es sei ok.‘

Was befürchtest du denn?

‚Ich weiß es gar nicht.‘

Ok. Dann, welche Erwartung wird nicht erfüllt? Wie sollte es denn sein?

‚Ich will nicht, dass es so ist wie es ist, der heutige Tag sollte anders sein. Ohne schlechte Gefühle, die ich nicht wegmachen kann.‘

Ja, das verstehe ich. Wer will das schon? Das Leben ist eben so.

‚Ja, ich weiß.‘

So, puh, die Spannung geht runter, endlich lichtet sich der Schatten. Ich habe auch noch die letzte Facette aufgedeckt, jetzt ist Frieden in mir, alle Anteile wurden gesehen.

Ich darf mich schlecht fühlen, es ist sowieso da, ich brauche jetzt Trost und den kann ich mit auch geben. Ich fühle mich eng mit mir verbunden, wieder zuhause.

Ein Gedanke zu „‚Wie sollte es denn sein?‘

  1. Hallo liebe CK,

    ja ich kann diesen Druck, diese Spannung so gut nachempfinden.

    Diese Gefühle tauchten so tief in einen hinab oder eigentlich umgekehrt, sie tauchen aus der Tiefe auf. Sie durchdringen soviele Stunden.

    Erst wenn wir uns wieder begegnen und wieder bei uns ankommen, finden wir wieder Ruhe und Frieden. Mich hat so sehr berührt, was Du geschrieben hast. Wieviel unterschiedliche Schritte es benötigt hat um wieder zu Dir zu gelangen.

    Es ist schon interessant, keine Wort von Aussen können uns so sehr beruhigen, wie es von Nöten wäre und wenn wir innere Arbeit machen und uns wieder näherkommen, erst dann kommen wir wieder in Frieden mit dem Geschehen.

    Liebe Grüsse
    Himmelszauber

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