Vorher-Nachher-Effekt

So, Kritiker, jetzt darfst du mir ganz ungeschminkt alles sagen, was du über das Dicksein zu sagen hast.

‚Ich muss gestehen, dass ich im Augenblick verwirrt bin. Ich dachte ich beschieße dich förmlich mit Antworten aber alles was ich sagen will, ist plötzlich haltlos.‘

Ja, und nun? Wenn es also im Augenblick keinen aktiven Kritiker gibt, warum fühle ich mich trotzdem so? Warum bewerbe ich mich nicht? Ich fühle rein.

Tiefe Trauer. Und ein Satz: ‚Ich bin nicht gut genug. Nie. Ich bin an sich fehlerhaft, ein Montagsmodell.‘

‚Ich tue nur so als ob ich etwas könnte, ich spiele allen etwas vor, aber irgendwann werden sie dahinterkommen, dass ich einfach nichts zu geben habe, nichts kann, nicht gut genug bin.‘

Ich spüre den Schmerz, ich lasse ihn zu, das ist im Augenblick meine tiefste Überzeugung, wie Ezra Bayda sagt, das, woran ich ganz versteckt glaube. Und dass ich das nicht so klar sehe, dafür hat bisher das Fett gesorgt. Es musste für alles herhalten, es ist auch eine dankbare Projektionsfläche für Unzulänglichkeitsgefühle. Denn wer würde das nicht glauben? Ich glaube es schließlich selbst.

Ok, was bedeutet ’nicht gut genug‘?

‚Ich sollte mich für mein Dasein schämen. Nichts was ich mache wird jemals ausreichen um das wiedergutzumachen.‘

Um was wiedergutzumachen?

‚Dass ich existiere.‘

Und gut genug wärst du wenn?

‚Gibt es für mich nicht. Ich bin von Natur aus nicht gut genug. Deswegen sollte ich mich schämen.‘

Boah. Und wer bestimmt das eigentlich?

‚Das ist einfach so.‘

Ne, ne, nichts ist einfach so. Wie kommst du auf so etwas?

‚Ich kenne nichts anderes.‘

Ok. Ich frage anders. Gilt das für jeden Menschen?

‚Nein. Nur für mich.‘

Heißt das, alle anderen sind gut genug, nur du nicht?

‚Ja, genau.‘

Aber da alle anderen gut genug sind, und alle anderen Menschen sind, was bist du dann? Bist du kein Mensch?

‚Doch schon, aber ein besonders unzulänglicher.‘

Wie kommst du darauf, dass du eine solch herausragende Sonderrolle innerhalb der Menschheit spielst?

‚Wenn du es so sagst, klingt das ganz schön absurd. Ich merke, diese Überzeugung kommt von früher, der Blick meines Vaters hat mich so eingestuft, also hat ein Teil das für wahr gehalten, bis heute. Aber realistisch betrachtet ist es ein totaler Schmarrn. Ich bin genau wie jeder andere Mensch. Und wenn alle anderen gut genug sind, dann bin ich es auch. Und wenn jeder andere gut genug ist um sich zu bewerben, dann bin ich es auch.‘

Und all die Zeit verstecke ich mich hinter dem Fett.

….

Stunden später.

Hatte nach dieser Arbeit Kraft und Motivation. Die Bewerbung ist geschrieben und abgeschickt. Wahnsinn! Was für ein Vorher-Nachher-Effekt.

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