Mensch sein genügt

Liebe Angst, willst du dich zu mir setzen?

Ja, gerne.

Danke, dass du dich zeigst. Kannst du mir sagen, was du von mir brauchst?

Ich brauche ganz viel Daseinsberechtigung, dass ich nicht mehr verpönt, ungeliebt und versteckt werde, als dürfe es mich nicht geben. Es war so lange so.

Wie meinst du das?

Ich bin schon ganz lange da, aber früher konntest du mich nicht fühlen, ich lebte im Untergrund, das Fühlen von Angst wäre viel zu gefährlich gewesen, das durfte es nicht geben. Jetzt kannst du mich nicht mehr unterdrücken und das willst du auch nicht mehr. Doch sobald ich auftauche gerätst du in Aufruhr.

Ja, das stimmt. Ich fürchte mich dann. Angst bedeutet Gefahr.

Nein, Angst bedeutet erstmal nur Angst. Wenn du in die Augen des Löwen schaust, dann beduetet sie auch Gefahr, sonst aber nicht.

Aber es könnte etwas passieren.

Das stimmt, das könnte es immer. Du müsstest konsequenterweise immer Angst haben. Hast du das?

Nein.

Siehst du?

Nein, was soll ich sehen?

Dass es nicht darum geht, dass etwas passieren könnte, es geht um etwas anderes.

Hm. Solltest nicht du das wissen? Du bist doch die Angst.

Es geht um Schuld. Darum geht es. Sie ist dann schuld.

Ist sie schuld an der grundsätzlichen Unsicherheit der Welt?

So kennt sie es, was auch immer schief geht, sie ist schuld. Sie muss alles überblicken, alles kontrollieren.

Kann sie das denn?

Nein, natürlich nicht.

Müssen alle Menschen das?

Nein, nur sie.

Warum soll sie es tun, obwohl sie es gar nicht kann?

Sie muss versuchen das Unmögliche möglich zu machen.

Warum? Warum sie?

Weil sie sonst keine Daseinsberechtigung hat, sie muss perfekt sein.

Gibt es für sie kein Nachsehen, keine Milde, keine Freundlichkeit?

Nein, das hat sie nicht verdient, sie nicht.

Aber warum nicht, was ist an ihr so besonders?

Sie ist besonders Schuld und sie soll besonders leiden.

Warum?

Weil sie da ist.

Das ist der einzige Grund?

Ja. Mir fällt kein anderer ein.

Und nun? Ist das richtig so?

Nein, das ist falsch. Jeder der da ist darf da sein und hat das selbe Recht auf das Dasein. Es gibt keinen Grund warum sie besonders leiden müsste oder besonders schuld wäre. Sie muss nicht perfekt sein und auch nicht das Unmögliche möglich machen. Sie muss nicht alles überblicken und auch nicht alles kontrollieren. Mensch sein genügt.

Tränen, Tränen, viel Traurigkeit und viel Mitgefühl, weil es so ist wie es ist. Aber da ist auch ein inniges Gefühl des Verbundenseins mit mir, weil das, was ist, zum Mensch Sein dazugehört.

Und nun Angst? Wie geht es weiter?

Ich komme immer wieder. Darf ich dann bei dir sein?

Sicher. Jeder Gast ist willkommen, wie Rumi sagt, wer kommen will, hat seine Gründe, wer bin ich die in Frage zu stellen.

Danke, das tut mir gut.

Ich spüre den inneren Körper, dort tief drinnen ist es immer ruhig, immer schön. Ja, ich nehme an was kommt, ich bin dazu bereit. Ja ich bin bereit mich vom Leben lieben zu lassen. Bitte lieber Gott, hilf mir. So wie du mir immer geholfen hast. Danke.

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