Mein Tag mir der Sehnsuchtsmutter Teil 1

Die ersten zwei Stunden des Tages sind geschafft, alle Kinder zur Schule und in den Kindergarten gebracht.

Und ja, es macht schon einen Unterschied.

Aufstehen ist so schwer wie immer, aber, anstatt den Gedanken zu folgen, die sagen, dass alles so ungerecht ist, dass das blöde Schulsystem schuld ist, dass der Tag zur Hölle wird usw. und so fort, konnte ich den Blickwinkel meiner Sehnsuchtsmutter aufgreifen und verstand, dass es jetzt gilt einfach aufzustehen. Das ganze tägliche Gejammer ändert ja rein nichts an der Situation.

Diese Mutter ist weit mehr als ein Sehnsuchtsbild, sie ist ein Teil von mir, mein glückliches, heiles, unabhängiges Ich. Ich spüre eine warme und tiefe Verbindung zu ihr, mein Leben bekommt einen neuen Glanz, wenn ich durch ihre Augen schaue.

Ich konnte meinen Fokus ändern von ‚hoffentlich machen alle mit und es gibt keine größeren Katastrophen‘ zu ‚ ich möchte für mich und für die Kinder eine möglichst angenehme Zeit‘. Die Folge war eine ganz sanfte Änderung meiner Stimmung und damit der Gesamtstimmung. Alles war einfacher, leichter, entspannter und als Krönung auch noch pünktlich. Ich habe es in diesem Schuljahr erst ein oder zwei Mal geschafft montags pünktlich in der Schule zu sein.

Sicher, die übliche Brille schiebt sich dauernd in den Vordergrund. Ich bemerke sie wohlwollend und schaue was die Sehnsuchtsmutter dazu sagt. Ich habe übrigens versucht ihr einen anderen Namen zu geben, aber das geht nicht. Nur genau dieses Wort hat die Kraft mich mit dem freien, heilen Teil in mir zu verbinden.

Ach ja, ich habe heute vor der Schule zwei Mütter angesprochen und mich für etwas bedankt bzw. habe ihnen ein Kompliment gemacht. Normalerweise habe ich diesen Impuls, bin darüber aber so beschämt, dass ich alles versuche um ihnen auszuweichen. Es war nicht schwer, es war sogar schön. Ich fühlte mich hinterher wohl. Diese ganze automatische Beschämung macht keinen Sinn.

Nächste Herausforderung: Konto. Die Leute zahlen einfach nicht, sie sind wohl alle pleite. Das verschärft unsere Situation zusehends. Was mache ich normalerweise? Ich versinke in Phantasien von einem Eremitendasein in Kanada, wo wir kein Geld brauchen, unser eigenes Holz hacken und unsere eigenen Fische fangen. Ich finde dann schnell alles hier unerträglich und da ich aber nicht weg kann und es auch keine echte Option ist, muss ich essen oder mich anderweitig wegbeamen.

Wie sieht das meine Sehnsuchtsmutter? Sie ist sehr traurig über diese Situation, ihr macht es auch zu schaffen, sie erlaubt sich zu weinen, um dann ein tiefes Gefühl des Vertrauens in sich zu spüren, die Gewissheit, dass sich das lösen wird, dass sie auf irgendeine Art Hilfe bekommen wird. Und auch die Gewissheit, dass sie ihren Teil der Arbeit absolut erledigt hat. Sie hat alle fälligen Zahlungen und Rechnungen absolut im Blick. Sie hat nicht weggeschaut, nein sie hat hingeschaut.

Und nun sagt sie mir, dass es Zeit wird dem Schreiben ein Stopp zu setzen um sich der fälligen Hausarbeit zu widmen.

Puh, der schwerste Moment. Sofort will ich nicht, aber so was von nicht. Igitt, die blöde Wäsche, nein, nein, nein.

Ich verbinde mich wieder aktiv mit ihr und spüre den Unterschied. Eine ruhige Gewissheit, dass manche Dinge einfach getan werden müssen, dass das zu ihren Aufgaben gehört und sogar eine gewisse Freude darüber, die Dinge in Ordnung zu bringen.

Es ist schön hier zu sein, bei meiner Sehnsuchtsmutter, bei dem Teil, der gnädig, liebevoll und frei ist. Sie weiß genau, dass es das Allerwichtigste sich gut um sich zu kümmern, damit man sich gut um andere kümmern kann. Wenn sie eine Pause braucht, dann kann sie sich eine nehmen.

Und, die Email der Schwiegermutter triggert wie immer, aber sie kann es sein lassen, sie kann sehen, dass sie eben ist wie sie ist, dass das nicht bedeutet, dass sie mir ihr einer Meinung sein muss, und dass es auch Gutes gibt, wie dass die Kinder wieder eine Garnitur Kleidung bekommen.

Ich spüre einen sehr starken Drang, das Experiment abzubrechen und in meine Wegdriftwelt abzutauchen. Aber ich weiß wie es dort ist, nichts zu entdecken, nichts was mich nährt kommt dabei heraus.

Wie sieht sie das? Sie wendet sich sofort nach innen, sie schaut was ihr fehlt oder was sie braucht. Und das reicht sogar. Bei sich sein, die Verbindung wieder aufnehmen, das wohlige Wärmegefühl kommt zurück, der nächste Tagesordnungspunkt wartet, Kinder abholen.

Erstes Kind abgeholt. Kurze Pause vor dem nächsten. Ich habe starke körperliche Reaktionen, Hitze, Magenzusammenziehen, Schwindel.

‚Das erlauben wir nicht, du kannst nicht einfach beschließen die Welt durch andere Augen zu sehen. Schluß mit dem Schmarrn.‘

Wieso nicht?

‚Weil das nicht geht.‘

Aber es geht doch.

‚Nur weil wir es zugelassen haben. Jetzt reicht es uns.‘

Ihr? Wer seid ihr?

‚Wir sind das was bisher war. So soll es bleiben.‘

Warum?

‚Weil es immer so war. Das ist bekannt.‘

Ging es ihr denn gut mit euch?

‚Ne, zum Schluß nicht mehr, aber das ist der Preis.‘

Der Preis wofür?

‚Fürs Überleben.‘

Ist das nicht ein wenig sinnlos, dass sie überlebt um sich für den Rest ihres Lebens scheiße zu fühlen?

‚Na ja…ähm.‘

Meint ihr nicht auch, es wäre ein Versuch wert, sich mit dem freien, liebevollen unabhängigen Teil zu verbinden?

‚Naja… na gut, vielleicht.‘

Puh, der Zugang ist wieder frei, ich kann mich wieder verbinden. Sofort wird es warm und weich, die Härte schmilzt dahin. Die Schmerzen dürfen einfach sein, auch das Unwohlsein, der Schwindel. Inzwischen wird es immer klarer wie die Verbindung zustande kommt, es ist die Verbindung mit dem Herzen, mit der Liebe. Ich halte die Schmerzen liebevoll im Arm und gehe los das nächste Kind abholen.

Zurück. Die Schmerzen haben nachgelassen, ich bin ganz schön erstaunt wie stark das System reagiert. Bei ihnen zu sein fühlt sich liebevoll und entlastend an, egal wie stark sie sind.

Den Tag mir meiner Sehnsuchtsmutter zu verbringen schärft meine Aufmerksamkeit. Es fällt mir auf, wie stark ich immer wieder reagiere. Gerade im Kindergarten: ich habe meine Tochter vor dem Mittagessen abgeholt, weil sie es so wollte. Das ist in diesem Kindergarten alles möglich, trotzdem habe ich einen missbilligenden und genervten Blick der einen Erzieherin aufgefangen. Sofort fühle ich mich schlecht. Vielleicht galt er gar nicht mir, egal.

Schlecht, wie genau? Ich schäme mich, weil ich sie störe.

Ich verbinde mich. Wie sieht die Sehnsuchtsmutter das? Kann sein, dass ich sie gestört hatte, und dass es ihr gar nicht in den Kram passte. Aber das ist ihr Ding. Ich habe nur meine Tochter abgeholt, und das ist meine Bedingung gewesen, dass ich sie abholen kann wann ich will bzw. sie will. Sie darf genervt sein. Ich muss es ihr nicht passend machen. Ich umarme diesen Teil, der sich schämt.

Im Strudel der Mittagszeit ist mir die Sehnsuchtsmutter völlig abhanden gekommen. Nun fällt sie mir wieder ein, sofort werde ich sanfter, der Druck verschwindet, ich darf so sein wie ich bin, mich zuhause fühlen in meinem Leben. Ich spüre Müdigkeit, ich lege mich hin.

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