Ich will so sein wie sie

Wenn ich manche Kinderbücher vorlese werde ich konfrontiert mit einer mächtigen Sehnsucht oder einer riesigen Illusion. Wahrscheinlich beides.

Es gibt Bücher, besonders für die kleineren, da ist die Mutter immer entspannt, geduldig, bereit aufzuspringen um alles zu richten, denkt umsichtig an alles, ist völlig entspannt angesichts des kontrollierten Chaos‘, hat in ihren selbstverständlich schlanken Körper immer genug Energie für alles, steht selbst mitten in der Nacht mit einem Lächeln im Gesicht auf, jede Herausforderung wird mit Gelassenheit liebevoll gemeistert. Hach, ja, wäre ich doch auch so.

Es spielt gar keine Rolle, dass es der überzogenste Quatsch ist, ich wäre gern so.

Ich wäre gern anders, das ist ein Grundthema. Seit der Schulzeit begleitet mich das. Damals bin ich dem Impuls ganz ungeniert gefolgt. Ich wurde immer wieder von jemandem angezogen, ich wollte so sein wie sie. Ich habe mich dann ganz bewusst da hineinbegeben, ich habe ihre Körperhaltung und ihre Bewegungen nachgemacht, ich habe ihre Schrift und ihre Haltung dabei nachgemacht, ich habe meinen Schulranzen so sortiert wie sie, versucht meine Sachen mit der absolut gleichen Handbewegung rein und rauszuholen, ich dachte, wenn ich nur perfekt genug beherrsche was sie kann, dann, ja dann was? Ich weiß es nicht, aber etwas Wunderbares sollte eintreffen.

Genau so wunderbar, wie wenn ich es schaffen könnte so zu sein wie diese Mütter aus den Büchern. Und überhaupt, nur weil die Realität eher anders ist, muss das ja kein Quatsch sein. Es wäre ja schön, wenn es so wäre.

Was wäre dann?

Dann wäre ich endlich mit mir im Reinen, wer so entspannt und strukturiert und voller Energie und liebevoll und ruhig und unerschütterlich und ordentlich und gut gelaunt ist, der ist mit sich im Reinen. Diese Mädchen früher, die waren auch so, die wirkten völlig bei sich, selbstsicher, ausgeglichen, entspannt, organisiert, zufrieden, im Gegensatz zu mir, die aufbrausend war, ehrgeizig, immer bestrebt besser zu sein, vorne zu stehen, im Mittelpunkt zu stehen, Arbeiten auszuweichen und abzugeben, chaotisch und unorganisiert. Dass ich Klassenbeste war und Klassensprecherin hat nichts geholfen, ich muss gespürt haben, dass sie eine innere Ruhe hatten, die mir fehlte.

Nach dem Seminar am Wochenende weiß ich, es ist nicht unbedingt die innere Ruhe im Sinne von mit sich im Reinen sein, die sie hatten, sondern ein ruhiges Temperament. Und das ist im Zweifel für mich immer noch erstrebenswert, obwohl ich immer mehr verstehe, dass ich es nicht habe.

Vielleicht verwechsle ich auch etwas, innere Ruhe mir äußerer Ruhe. Der Zustand nach dem ich mich sehne ist mit mir und meinem Leben im Reinen zu sein, und das bin ich definitiv nicht. Ich hadere mit so ziemlich allem, sobald es zum Konflikt kommt oder schwer wird. Dann bin ich oder mein Leben irgendwie verkehrt und dann erscheinen mir aber viele andere auf einmal so richtig, also im Gegensatz zu mir richtig. Wäre ich doch nur so wie sie.

Dieser Satz treibt mir die Tränen in die Augen. Ich habe so viel Mitgefühl mit mir, weil ich mich selbst so wenig annehmen kann. Ich kann nicht viel Gutes darin sehen ich zu sein. Nichts was von Bedeutung ist kann ich. Ich bin nicht liebevoll, nicht einfühlsam, nicht fleißig, nicht hilfsbereit, nicht aktiv, ich kümmere mich nicht genug, ich gebe Verantwortung ab wo es nur geht.

Bitte hilf mir es anders zu sehen.

….

Stunden später. Ich habe nie gelernt, das was ich bin und kann zu schätzen. Ich bin gefangen in diesem negativen Strudel. Mein Blick ist gründlich darauf abgerichtet. Sicher, das ist auch unsere menschliche Programmierung, aber ich gehöre zu denen, die es besonders gut können. Das Haar in der Suppe zu finden.

Aber allein das Haar in der Suppe zu finden reicht nicht, es klappt nur, wenn daraus ein Riesendrama wird. Und da sehe ich eine Möglichkeit.

Ich kann mich entscheiden, auf das Drama nicht einzusteigen. Das liegt in meiner Macht. Auf jeden Fall vom Verstand her, und der muss jetzt leiten, im Sinne von entscheiden.

Meine Freundin sagte heute, sie habe sich bis in die kleinsten Zellen hinein erforscht. So geht es mir auch. Ich kenne mich in mir selber genauestens aus. Aber das ist nur ein Teil. Wenn die Handlung fehlt, die neue Erfahrung, dann bleibe ich hängen. Und wenn ich auf das passende Gefühl warte, bis ich die neue Erfahrung mache, dann kann ich lange warten, die Erfahrung habe ich schon gemacht. Sehr trickreich das Ganze, aber das Gefühl kommt nicht ohne eine entsprechende Erfahrung.

Das bedeutet, ich muss mit der Handlung ins kalte Wasser springen. Wie beim Praktikum. Wenn ich gewartet hätte, bis ich keine Angst mehr vor den Stunden habe, würde ich sicher immer noch warten.

Und was bedeutet das für jetzt? Welche Entscheidung will getroffen werden? Ich habe eine lustige Idee. Ich will mit mir im Reinen sein, wie die Mütter aus den Kinderbüchern. Oder das was sie für mich transportieren. Also versuche ich morgen mir die Frage zu stellen, was würde eine solche Mutter tun, wie würde sie das sehen? So als Gegengewicht zu dem ‚Haar-in-der-Suppe-Drama‘ das ich sowieso veranstalte.

Nicht als Diktat, sondern als Option es anders zu sehen. Ich freue mich darauf, die Kleine in mir ist total Feuer und Flamme, wir spielen wieder das Spiel unserer Kindheit. Denn das war es damals, ein Spiel, locker und leicht und jederzeit beendbar.

Ich wage dieses kleine Experiment. Ich bin gespannt.

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