Feuerfrau

Ich bin schon mit Übelkeit aufgewacht. Und Schwindel. Obwohl nichts ansteht. Dieses Tor ist wohl offen. Wir haben gestern in der Therapie auch noch daran gearbeitet.

Ich sehe sofort diese Kleine, vielleicht 1-2 Jahre alt, die sich an mich klammert und weint und nicht versteht wie das Leben geht. Sie ist in die Hölle gekommen, immer in Gefahr, egal was sie versucht es ist immer falsch. Sie begreift gerade, dass sie da nicht rauskommt. Ich übergebe mich, nüchtern, der Wahnsinn.

Ich habe mich bis zu meiner dritten Schwangerschaft niemals übergeben, auch nicht bei Magen-Darm-Infekten. Jetzt dämmert mir, Übelkeit und Brechreiz sind mein körperliches Symptom gewesen, mein ganz frühes Warnsystem, aber da das nichts brachte und alles nur noch schwerer machte, habe ich offenbar gelernt, das wirksam zu unterdrücken.

Jetzt folge ich dem Faden rückwärts und alles kommt ans Tageslicht. Ich halte die Kleine ganz fest, ich sage ihr, dass das vorbei ist, dass sie hier in Sicherheit ist und sich erstmal ausruhen darf, ohne das irgendwer draufhaut. Dass alles nicht ihre Schuld war, nicht ihr Versagen, die Welt in die sie hineinkam war so, jedem wäre es dort genau so ergangen wie ihr.

Wir kamen gestern in der Therapie auch noch an etwas anderes. Die absolute Abhängigkeit vom Drama. Sobald alles gut und zu bewältigen ist, sobald halse ich mir selbst das nächste auf, dass mich wieder in eine Überforderungssituation bringt, weil ich so viel Angst davor habe. Wenn ich es überstanden habe, dann suche ich mir das nächste usw.

Da ist also eine Kraft in mir, die mich immer dahin treibt, wenn ich nichts mache, dann langweile ich mich und bin frustriert. Es ist aber nicht so, dass dieses nichts tatsächlich nichts bedeutet, sondern etwas, dass mir keine Angst verursacht. Sobald ich eine Aufgabe einigermaßen entspannt ausführen kann langweilt sie mich. Und das war schon immer so, seit ich denken kann.

Gleichzeitig leide ich heftigst unter diesen Dramaperioden, je tiefer ich reingehe immer mehr. Irgendwo habe ich gelesen, dass frühkindliche Traumata die chronisch waren, wie z. Bsp. ein Entwicklungstrauma, dazu führen, dass man süchtig nach Drama wird, also nach diesem Zustand der totalen Anspannung und Panik, der Körper fordert es ein wie eine Droge.

Ich glaube nicht so sehr daran, dass es eine hauptsächlich körperliche Sache ist, obwohl die hormonellen Gegebenheiten sicher auch eine Rolle spielen, sondern dass es ein sehr starkes Muster ist, das automatisch anspringt.

Wobei das sehr miteinander verwurschtelt ist, weil es sicher auch eine Kraft gibt, die voran will, die etwas bewegen will. Und dann eine, die das Drama will.

So wie heute. Panik weil ein Bescheid von einer Behörde fehlerhaft war. Obwohl ich mit dem zuständigen Sachbearbeiter alles besprochen hatte und meinen Teil wie vereinbart erledigt habe. Und das lustigste, fehlerhaft zu unseren Gunsten.

Gestern Abend schon Panik deswegen, aber ich konnte so spät nicht mehr anrufen. Ein Zwang es richtig zu stellen, das Gefühl, es darf nicht so bleiben, Katastrophe! Genauer bekam ich es nicht zu fassen.

Heute morgen also den zuständigen Sachbearbeiter erreicht, der total entsetzt war, es war wohl ein Fehler seiner Vertretung, er konnte sich das nicht erklären, war sichtlich gepeint, hat sich tausendmal entschuldigt, hat sich tausendmal bedankt, dass ich mich gemeldet habe, ich hätte es auch einfach so zu unseren Gunsten stehen lassen können, oder überhaupt nicht bemerken können.

Da wurde mir wieder anschaulich vorgeführt, wie ich sofort die Schuld und die gesamte Verantwortung bei mir suche. Nur ich habe den Überblick, ich muss aufpassen, ich muss das gerade richten, und jede Minute in der das nicht möglich ist, wird mit Paniksymptomen bezahlt, selbst wenn es in Realität null Konsequenzen gibt.

Gibt es einen Weg aus der Hölle?

Ich stelle ein Symbol auf für das Drama. Mir schießt sofort das Blut in den Kopf.

Was ist deine Funktion, warum bist du da?

‚Ich bin die fehlgeleitete Kraft‘

Oh. Was soll das heißen?

‚Sie hat so unglaublich viel mehr Kraft und Lebendigkeit als sie lebt, das muss irgendwo hin. Die meiste Zeit hat sie das mit Extrem-Bewegung kompensiert, jetzt zunehmend mit Drama.‘

Aber verstehe ich das richtig, ob Bewegung oder Drama, es ist alles Kompensation?

‚Nein. Bewegung ist ein möglicher Ausdruck, aber nicht immer der angemessene, Drama ist Kompensation.‘

Ich verstehe nicht von welcher Kraft du sprichst.

‚Von der Lebenskraft‘

Kennst du den Mechanismus? Kannst du mir den erklären.?

‚Sie hat ganz schön viel Kraft mitbekommen von der Natur, viel viel Lebendigkeit. Und die durfte von Anfang an nicht sein, aus inzwischen wohlbekannten Gründen. Was konnte diese Kraft tun? Sie war und ist ja da. Also gab es ein einigermaßen geduldeten Ausdruck, Ballett, da konnte sie eine Weile lang hinfließen, dann die exzessive Sportzeit, und Extrem-Nachtleben, da konnte sie auch hinfließen, auf die Dauer ist es aber nicht der Weg. Das spürt sie ja, deswegen macht sie das auch nicht mehr. So und einen Ausdruck der Kraft, der nicht Extremsport oder Extremausgehen (eigentlich auch nur Dauertanzen) ist, hat sie nicht gefunden, sie hatte ja nie die Möglichkeit ihr freien Lauf zu lassen um zu sehen wie sie sich entfaltet. Aber die Kraft will sich bewegen, also gibt es die Dramen, die erzeugen auch ganz viel Bewegung, ganz viel Lebendigkeit, wenn auch unangenehme. Besser unangenehme Lebendigkeit als gar keine, ihre Lebendigkeit dauerhaft zu unterdrücken ist ihr nicht möglich, dazu hat sie zu viel davon.‘

Oh, das ist ja krass. Ich bin ja sprachlos. Was du alles weißt. Und nun, weiß du wie der nächste Schritt aussieht?

Ich sehe die Kraft vor mir, die Lebendigkeit, eine Frau mit feuerroter Mähne, die so intensiv ist, dass sie fast brennt. Ich kenne sie sogar schon, sie ist mir schon zweimal begegnet, ich nenne sie Feuerfrau.

Und du bist meine Kraft?

Ja.

Wie soll es weitergehen? Was brauchst du?

Ich bin zwar feurig und kraftvoll, aber ich bin auch total empfindlich und zerbrechlich und verwirrt. Ich bin viele Jahre geknechtet und geknebelt worden, dass ich zwar immer noch meine Intensität habe aber keine Richtung mehr. Fürs erste musst du mich einfach mitnehmen, bewusst in dein Leben nehmen, mich dabei sein lassen, ich muss erst aus der Verkleidung raus und sehen wie es ist. Mehr kann ich dir im Augenblick nicht sagen.

2 Gedanken zu „Feuerfrau

  1. Liebe C,

    vielen Dank für diesen Beitrag! Ich erkenne dieses Muster, die Sucht nach Drama auch in mir wieder und habe auch schon festgestellt, dass negativ gefühlte Lebendigkeit besser ist als keine! Schon als Kind habe ich morgens im Bett als erstes darüber nachgedacht, ob etwas Besonderes an diesem Tag anstand. Selbst eine Klassenarbeit war besser, als wenn es nur ein ganz normaler Tag war. Dann wurde alles fad und langweilig. Und so ist es heute auch noch ganz oft. Vielleicht sollte ich meine Feuerfrau oder wie auch immer dieses Figur bei mir aussieht, auch mal mit ins Boot holen. Nein, eigentlich ist es der durchgeknallte Teenie, der in meinem Leben gerne für Chaos sorgt…

    Lieben Gruß,
    tina

  2. Liebe Tina,

    danke.

    Nach nur einem Tag des bewussten Zusammenseins glaube ich, dass meine Feuerfrau auch ein Teenie ist. Wenn ihr was nicht passt, und das ist so ziemlich alles was nicht besonders ist, dann sitzt sie augenrollend und nägelfeilend in der Ecke.

    Mir kommt gerade der Gedanke, dass dieser Anteil, diese Kraft einfach noch in der Pubertät steckt, noch nicht erwachsen geworden ist.

    Liebe Grüße
    ck

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