Durch dick und dünn

Es gibt Tage, da sehne ich mich so stark danach dünn zu sein, ich verzehre mich förmlich danach.

Heute ist so ein Tag. Ich sehe ständig Bilder von mir in dünn, wie ich leicht und schlank durch die Gegend schwebe. Ich wiege mich im Rhythmus, ich fühle mich wohl in meiner Haut, ich habe keinerlei Restriktionen bezüglich meiner Kleidung, ich kann alles anziehen, oh mein Gott, bei dem Gedanken muss ich weinen, werde ich jemals wieder Jeans anziehen können?

Ich werde jetzt die dünn/ dick Übung von Susie Orbach machen. Das letzte Mal ist lange her, mal sehen wo ich jetzt stehe.

Ich stelle mir eine Situation vor mit Menschen, eine Party z. Bsp. und lasse mich erst ganz dick werden und schaue was es mit mir macht, und dann lasse ich mich dünn werden und schaue was ich dann so mache, dann wieder dick und wieder dünn. Dieses hin und her bringt den springenden Punkt sehr schön zur Geltung. Also los.

Ich nehme gleich die Party auf der ich letztes Wochenende war. Ich betrete sie in meinem jetzigen Gewicht, ich fühle mich unwohl, ich schäme mich für mein Gewicht, ich versuche alles zu tun, damit es nicht so auffällt, ich verstecke mich, trotz meiner bunten und auffälligen Kleidung, aber auch diese soll ablenken. So bin ich eine bunte Dicke, sonst wäre ich nur noch eine Dicke. Ich bin in den bunten Klamotten gefangen, nicht bunt geht nicht, auch wenn ich dazu manchmal Lust hätte. Ich traue mich nicht mich an den Tussen-Tisch zu stellen (alle natürlich sehr dünn), ich stehe herum und versuche so zu tun als würde es mir nichts ausmachen allein herumzustehen. Alle anderen Gäste sind dünn. Mein Makel ist fühlbar.

Ich lasse mich dick werden, immer dicker und dicker. Ich bin jetzt riesig, aufgepumpt bis oben hin, ich kann mich nicht mehr rühren. Ich fühle mich sofort befreit, außerhalb jeder Konkurrenz, ich brauche nicht auf die anderen zuzugehen, ich brauche auch nicht rumstehen, ich kann mich endlich irgendwo an den Rand setzten und alles beobachten. Das ist jetzt erlaubt, ich muss nichts mehr tun. Wer mit mir sprechen will, der muss extra zu mir kommen, gleichzeitig ist es absolut erlaubt, dass ich nur sitze und gar nicht spreche. Gleichzeitig bin ich gefangen und erdrückt. Bewegen geht überhaupt nicht, weiblich sein auch nicht, ich bin eindeutig ein Neutrum, so eine Art Wesen von einer anderen Welt, das sich nicht zu den Menschen gehört. Und ich bin dabei unglaublich auffällig, uneingeschränkter Mittelpunkt.

Ich lasse mich schrumpfen, so lange bis ich dünn bin. Dünn kann ich mich dort gar nicht aufhalten, es engt mich ein, ich werde erdrückt von der Starre der anderen Gästen, es ist mir dort zu klein, ich muss raus. Ich fühle mich unwohl und nicht zugehörig, nur dass es jetzt nicht mehr äußerlich sichtbar ist. Ich sehe aus wie alle, kann aber nicht sein wie alle. Ich muss flattern, ich fange an zu glitzern und zu flattern, ich gehe aktiv in den Mittelpunkt, weil ich mich sonst langweile, ich darf als Dünne nicht entspannt in der Ecke sitzen, das geht irgendwie nicht. Aber ich fühle mich schön und sehr weiblich. Ich spüre die Blicke der anderen Frauen, ich bin eine Konkurrenz, ich spüre die Blicke der Männer, ich ekle mich von ihnen, ich mag nicht mit einem eindeutig anzüglichen Blick angesehen werden, ich kann damit nicht umgehen, ich flüchte.

Ich werde wieder dick, das Anzügliche verschwindet sofort, ich bin wieder ein Neutrum. Ich bin ein Mittelpunkt ohne mein Zutun, ich bin der Berg zu dem jeder kommen kann, ich kann selbst völlig entspannt in der Ecke sitzen, trotzdem interessieren sich die Menschen für mich. Flattern kann ich nicht mehr. Ich fühle mich erleichtert.

Ein letztes mal dünn, sofort fühle ich mich ungeschützt und nackt, ich kann nicht mehr in der Ecke sitzen, ich muss mich aktiv in den Mittelpunkt stellen, sonst werde ich erdrückt von der Starre der anderen. Wenn es aber Menschen gibt, die frei sind, dann fühle ich mich wohl, dann kann ich entspannen. Aber sobald jemand in der Starre ist oder mich irgendwie anschaut (kritisch oder anzüglich) fühle ich mich schrecklich ungeschützt.

Resumee: Die Qualität des Dicksein ist das Sein. Ich brauche nichts zu tun, ich kann einfach entspannen, die Dinge kommen schon zu mir, wenn es sein soll. Und dann ist es auch eine Schutzschicht vor den Menschen, vor solchen Verhaltensweisen mit denen ich (noch) nicht umgehen kann.

Die Qualität des Dünnseins ist Schönheit, Weiblichkeit und Flattern und Glitzern. Beweglichkeit. Leichtigkeit.

Beide Qualitäten, die des Dicksein und des Dünnseins müssen in das Leben hier und jetzt gelebt werden, bevor das Fett gehen kann.

Im Augenblick erscheint mir das unmöglich. Solange ich dick bin, bin ich nicht schön und weiblich. Bin ich aber schön und weiblich, bin ich ausgesetzt.

Kann ich schön und weiblich und glitzernd sein und trotzdem ruhig, entspannt und geschützt?

‚Ja, das geht‘, höre ich eine Stimme, ‚das kannst du inzwischen, es ist nicht mehr früher. Hier und heute kannst du in Verbindung bleiben und dich selbst nicht mehr verlassen. Du kannst alles was du brauchst, es ist alles in dir.‘

Ich starre ungläubig auf die Buchstaben die in die Tastatur strömen. Ich soll das alles können? Wieso bin ich dann dick?

‚Weil du es nicht glaubst. Du hast ein veraltetes Bild von dir. Wenn du mal reinfühlst, wirst du die Kraft und Fähigkeit spüren.‘

Ich verbinde mich innerlich, und ja, ich kann es fühlen, ich kann mich schützen, ich kann mir erlauben zu entspannen, ich kann mich schön und weiblich fühlen, ich kann glitzern, jetzt auf der Stelle, ich muss es nur tun. Die bewusste Entscheidung für die Handlung in notwendig, unabdingbar.

Es wird nicht automatisch geschehen, automatisch starten nur die alten Programme, ich einer Zeit geschaffen, als das Automatisieren leicht und nachhaltig zu schaffen war. Das ist heute nicht mehr, ein so tiefer Automatismus lässt sich nicht nebenbei oder von allein ausschalten, es braucht das Wach-Sein.

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