Der Frosch im Milchfass

Meine jüngste Tochter ist krank und ich kann nicht zur Therapie. Es ist ok, weil ich sie eh nicht mehr so dringend brauche. Andererseits schreit jemand in mir, weil der Trost und die Aufmunterung wegfallen.

Denn das ist Therapie inzwischen für mich, wie Kaffeetrinken, ich merke, sie können mir nicht mehr helfen, sie wissen nicht mehr als ich. Es gab eine Zeit, da war es anders. Es wird immer klarer, dass nur ich mir helfen kann, ich bin jetzt dran. Aber womit? Wie?

Ich stelle zur Zeit alles auf den Prüfstand. Die Therapien brauche ich nicht mehr, aber ich bin noch nicht soweit ganz aufzuhören, und außerdem muss ich meine Pflichtstunden Lehrtherapie zusammenbekommen. Die Ausbildung selbst, na ja, im Augenblick sehe ich darin kaum Sinn, aber die Seminare machen mir viel Freude, meine Mitstudentinnen mag ich gerne, ich kann das durchziehen auch ohne die konkrete Vorstellung was ich danach damit anfange.

Im restlichen Leben schwimme ich, nein ich strample wie der Frosch im Milchfass. Ich mühe mich und mühe mich um das Allerschlimmste an Chaos und Zusammenbruch abzuwenden, aber keine Butter in Sicht. Untergehen ist aber auch keine Option.

Ich habe mir bei der Geschichte immer gedacht, weiterstrampeln ist doch einfach, es ist ein Zwang, es geht gar nicht anders. Einfach aufhören und sich untergehen lassen, das ist schwer, das geht doch gar nicht.

Andererseits, die Butter will ich auch, wann kommt sie denn? Was ist die Butter und ist das überhaupt möglich? Oder habe ich einfach nicht genug gestrampelt? Aufgeben ist einfach keine Option. Für mich. Vielleicht auch für den Frosch. Vielleicht war er nicht besonders stark, besonders hartnäckig und durchhaltefähig, sondern konnte einfach nicht aufgeben, war gefangen im Zwang immer weiterzumachen, es gab da keine Wahl, und wenn die Butter nicht entstanden wäre, dann wäre er irgendwann an Erschöpfung gestorben.

Vielleicht gilt das für alle, die immer weitermachen, sie können gar nicht anders.

Ich muss weitermachen, genau so wie ich Missstände anschauen muss, ansprechen muss. Was ist das Positive daran? Wie meine Freundin neulich fragte?

Das Positive ist, dass ich weiß wo ich stehe und dass ich alles hier an Ort und Stelle unter genau diesen Gegebenheiten meistern muss. Weglaufen ist nicht. Das Positive ist auch, dass die Gefahr sehr gering ist in fantastische Welten abzudriften und mir eine heile Welt vorzumachen, weil meine Wahrnehmung von Unstimmigkeiten und mein Zwang es anzuschauen mich davon abhalten.

Diese Eigenschaften gehören zu meinem ureigenen Wesen, zur Essenz, das weiß ich. Ich kann sie in die Welt bringen aus Angst oder ich kann sie in die Welt bringen aus Liebe.

Wenn die Angst regiert, dann fühle ich mich eingesperrt, verzweifle ich an der Unmöglichkeit zu entfliehen, dann verzweifle ich an allem Negativem das ich wahrnehme, an allen Fehlern, allen schlechten Absichten, allen Unvollkommenheiten, der Welt an sich.

Alles ein alter Hut, altbekannt, mein Alltag. So, und kann ich mich nun mit der Liebe verbinden und das aus einer anderen Perspektive betrachten?

Ja, es geht. Es kommt eine Gewissheit, dass das mein Weg ist, egal wie er ist, es gibt keinen anderen, hier ist mein Platz auf dieser Welt, bei meinem Mann und meinen Kindern, und alles andere ist absolut nebensächlich. Beruf oder nicht Beruf, Haus oder nicht Haus, dick oder dünn, das ist alles nicht von Bedeutung, nur Firlefanz, Beigabe. Und ich sehe einfach alles, ich bin der Wahrheit verpflichtet, ich habe die Fähigkeit alles zu sehen, ich kann den Schatten ertragen, ich kann dem ins Gesicht sehen, nur brauche ich ihn deswegen nicht größer zu machen als das Licht. Die Liebe sagt, es ist wichtig den Schatten zu sehen, und es ist wichtig das Licht zu sehen. Beides macht das Ganze aus. Beides ist wichtig, sagt die Liebe.

Ich darf das Unangenehme wahrnehmen, ich muss es nicht wegblenden, kann ich eh nicht, und ich darf auch das Positive wahrnehmen, ich muss es nicht durch das Negative entwerten, mache ich dauernd. Das sagt die Liebe.

Ich kann mich in mein Leben hinein entspannen, denn es ist genau das richtige Leben. Ich werde niemals fliehen, also geht es darum das hier anzuschauen und mich hier einzurichten, anzukommen.

Jetzt erst fällt mir auf, dass ich noch gar nicht wirklich angekommen bin. Ich habe das auf später verschoben, wenn alles irgendwie besser, leichter, schöner ist. Aber das wird es nicht. Es ist so wie es ist und für mich gibt es kein Weglaufen, das kann ich nicht oft genug wiederholen, denn bisher war es mir nicht bewusst. Und das kommt aus keiner EF, es ist mein Wesen, das ist gewiss.

Und zu meiner Überraschung ist es total entspannend. Es gibt nichts zu verbessern an meinem Leben, nichts worauf ich warten muss, nichts was ich erreichen muss. Es ist einfach und hier gehöre ich hin. Ende.

2 Gedanken zu „Der Frosch im Milchfass

  1. Danke für die anregende Fabel. Das ist immer wieder auch mein und wahrscheinlich unser aller Thema. Ich habe damit gearbeitet, was „untergehen, strampeln und Butter‘ für mich bedeutet und es wurde sehr spannend.
    LG

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