Der Fettanzug

Heute morgen sitze ich auf dem Sofa im Zimmer meiner Tochter und warte, dass sie sich anzieht. Ich schließe die Augen, weil ich müde, traurig und überfordert bin. Ich will ein wenig reinfühlen.

Da spüre ich meinen Körper zweigeteilt, nein, anders, ich spüre meinen dünnen Körper, es ist als stecke er in einem Fettanzug. Ich kann die Grenze richtig fühlen, spüre genau, wo der eigentliche Körper ist und wo der Anzug. Ich kann fühlen wie sehr mich der Fettanzug einengt, behindert und beschwert.

Der innere dünnere Körper bewegt sich autonom. Während der Fettanzug ruhig auf dem Sofa sitzt, hüpft und tanzt er herum, weil im Radio gerade gute Musik kommt. Und er voller Energie ist. Der äußere Körper, der kann das gar nicht, der ist viel zu schwer und unbeweglich.

….

Das war heute morgen. Inzwischen ist es Nachmittag, ich hatte bisher keine Zeit mehr dem nachzugehen, und wenn ich jetzt reinspüre geschieht etwas Interessantes. Dieser dünne Körper, den ich heute morgen ganz deutlich fühlen konnte ist weg. Zu einem kleinen Punkt im Oberkörper geschrumpft. Der Fettanzug ist zu meinem Körper geworden, weil der andere Körper weg ist.

Es fällt mir wie Schuppen von den Augen. Heute morgen war ich noch in Kontakt mit meiner Essenz, da konnte ich beide Körper wahrnehmen, da wurde mir der Fettkörper zu viel, zu schwer, belastend.

Über den Tag habe ich den Kontakt verloren, und der Fettkörper übernimmt, füllt die Lücke, springt ein, damit kein Vakuum entsteht.

Wo bist du denn hin, dünner Körper?

Ich kann so nicht sein.

Was brauchst du um sein zu können?

Aufmerksamkeit und Zuwendung, anders geht es nicht. Du hast mich doch völlig vergessen, du vergisst mich immer, wenn etwas zu tun ist, jetzt hast du Pause und jetzt falle ich dir wieder ein, nach acht Stunden!

Ja das stimmt. Was könnten wir nur machen, damit ich dich nicht vergesse?

Du musst dich entscheiden, immer und immer wieder für mich entscheiden. Es gibt nichts, was du tun kannst und dann ändert sich alles wie durch Zauberhand. Wenn du mit mir in Kontakt bleiben willst, dann musst du dich dafür entscheiden. In jeder Situation neu, auch wenn es nicht passt, auch wenn es schmerzhaft ist. Gerade dann ist es wichtig. Gerade dann brauche ich Zuwendung und Liebe und Aufmerksamkeit. Wenn alles gut ist, ist es leicht. Aber ich brauche dich wenn es nicht gut ist, dann musst du bei mir bleiben. Und ich sage dir noch etwas: wenn du den Weg nicht mehr findest oder die Welt zu laut ist, dann hast du immer eine Brücke zu mir, das Atmen. Der Atem führt dich immer zu mir, darauf kannst du dich verlassen.

Ich bleibe beim Atem und fühlen wie der Punkt langsam größer wird, ich habe mehr Raum in der Brust, gleichzeitig werden Gefühle freigegeben, die ich den Tag über unterdrückt habe. Ich lasse alles geschehen. Ich werde weicher, der innere Körper wächst, ich kann ihn wieder fast vollständig fühlen. Von den Fußsohlen bis zum Scheitel und bis zu den Fingerspitzen. Das ist so schön wieder verbunden zu sein.

Fettkörper, was ist mir dir? Hast du eine Botschaft für mich? Wie fühlst du dich?

Ich bin die Ausgleichsbewegung der Natur. Ich muss da sein, damit du am Leben bleibst. Wenn dein Kern nicht leben darf, dann muss etwas das sein, was dich auf der Erde hält.

Du meinst sonst würde ich sterben?

Ja. Ohne Essenz, ohne Substanz würdest du sterben. Ich bin wie das Papier, dass man in den Schuh stopft, damit er sich nicht verformt solange er nicht getragen wird. Mein ganzes Dasein ist Ersatz. Und ich kann auch erst gehen, wenn dieser Ersatz nicht mehr notwendig ist.

Und der Ersatz ist nicht mehr notwendig wenn was passiert?

Das weiß ich nicht, ich bin ja nur der Ersatz. Ich weiß, dass ich automatisch gehe, wenn ich nicht mehr notwendig bin. Und ich weiß auch dass der Anfang über den Kontakt zur Essenz geht. Alles andere wird sich zeigen. Vertraue dir.

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