Der Abend, das Essen und die ganz, ganz harte Nuss

Meine allergrößte Hürde ist das Abendessen. Das rechtzeitige Aufhören fällt mir unglaublich schwer. Und ich muss auch gestehen, dass ich das Arbeiten damit auch vermeide wo es nur geht. Obwohl ich also bis auf runde 20 Mal in fünf Jahren jeden Abend zu viel esse, habe ich diese 20 Mal damit gearbeitet und sonst nicht.

Die Macht des Essens ist am Abend so groß, dass es mir währenddessen sogar absurd erscheint mich zu fragen ob ich noch Hunger habe. Nicht die allerkleinste Pause darf sein, ich könnte dann vielleicht nicht weiter essen und dann… Ja was dann eigentlich?

Einfach nicht essen und den Drang und Druck einfach aushalten ist keine Option (mehr), das habe ich zu Diätzeiten zu Genüge getan, bringt ja langfristig nichts, denn irgendwann kommt der Zeitpunkt an dem die Kraft zum Zusammenreißen nicht mehr ausreicht und dann geht alles wieder von vorne los. Und genau das will ich nicht mehr.

Im Nachhinein kann ich es auch nicht bearbeiten, da komme ich in diesem Fall nicht ran. Es hilft nur auf frischer Tat. Und genau das ist sooo schwer. Heute will ich es tun.

Später. Es fällt mir schwer zu stoppen, aber ich schaffe es, weil ich verspreche nur zu schauen und mir nicht das Essen zu verbieten.

‚Aufhören kommt gar nicht in Frage, das geht nicht, dann hatte ich nichts vom Tag, ich muss voll sein.‘

Voll heißt, dass der Magen schon leicht gedehnt wird, aber noch nicht überdehnt.

‚Das ist abends für mich wichtig, dann kann ich auch aufhören. Wenn noch das klitzekleinste bisschen in den Magen passt, dann kann ich nicht aufhören.‘

Musste in der Zwischenzeit dies und das mit den Kindern besprechen, den Tisch abräumen und schwupp, landeten ein paar Reste in meinen Mund, nicht viel, drei Bissen, aber genau die machen den Unterschied. Vorher war ich satt, jetzt bin ich voll.

Ich atme ein paar Minuten und fühle was ist.

Trauer, Enttäuschung, die Stimme meldet sich auch: ‚So wird das nichts, wieder nicht geschafft.‘

Ja, ja ich weiß, du bist auch da. Die Stimme kann mich nicht mehr schocken.

Ich fühle weiter, eine tiefe Verzweiflung, ich will einfach nicht mehr dick sein, ich will es nicht, ich kann meinen Anblick nicht ertragen. Ich will mich für mein Praktikum in Kliniken bewerben und schäme mich für mein Gewicht.

‚Eine dicke Tanztherapeutin, das geht gar nicht‘

Warum?

‚Wem will sie denn helfen, sie kann sich ja selbst nicht helfen.‘

Was meinst du mit helfen?

‚Dünn sein.‘

Soll sie denn den Patienten helfen dünn zu sein?

‚Ne, das nicht.‘

Also wie hängt das zusammen?

‚Dick sein ist ein Ausdruck des Versagens, solange sie dick ist muss sie sich schämen. Und gerade als Therapeutin geht das gar nicht. Damit ist sie per se unglaubwürdig.‘

Boah. Der Glaubenssatz sitzt tief. Ich spüre die Resonanz im ganzen Körper. Tränen. Schauer. Schwindel. Immer wider faszinierend wie genau der Körper rückmeldet wenn man des Pudels Kern getroffen hat.

Ich bin gerade sprachlos. Es tut gut, diesen Satz gefunden zu haben und die enorme Macht zu spüren, die es über mich hat, gleichzeitig bin damit so identifiziert, ich habe nicht die geringste Ahnung wie ich es auch anders sehen könnte.

Ok. Ich fange an.

Warum ist das ein Ausdruck des Versagens?

‚Wenn sie dick ist, arbeitet sie nicht genug an sich.‘

Wann wäre es genug?

‚Wenn sie dünn ist.‘

Geht es nur darum? Sind damit alle dünnen Menschen keine Versager?

‚Genau‘

Und wenn sie einfach kein Essproblem haben? Oder nur durch Kampf mit dem Essen das Gewicht halten?

‚Egal‘

Du meinst also, jeder, der dünn ist, ist automatisch ein glaubwürdigerer Therapeut als sie?

‚Ja‘

Weil?

‚Weil das Aussehen stimmt. Der Rest ist nicht so wichtig. Das findet sich dann.‘

Ich höre hier auf und mache später weiter. Ich bin müde und komme hier nicht weiter. Alles erscheint mir in Stein gemeißelt. Und auch wenn meine Ausbilderin meine Glaubenssätze nicht teilt, für mich gibt in diesem Moment keinen Weg es anders zu sehen. Dieser Glaubenssatz ist eine ganz ganz harte Nuss. Der lässt sich nicht so leicht vom Tisch fegen. Noch nicht.

Als Akt der Selbstliebe folge ich jetzt meinem Bedürfnis nach Pause und vertage diese Erforschung.

2 Gedanken zu „Der Abend, das Essen und die ganz, ganz harte Nuss

  1. Hallo CK,

    mit wem führst Du diesen Dialog? Sind es die inneren Stimmen in Dir?

    Was passiert mit Dir, wenn Du diese Dialoge führst? Fühlst Du Dich dann anders? Das klingt soooo spannend.

    Liebe Grüsse
    Himmelszauber

    • Ja, genau, liebe Himmelszauber,

      die Körperempfindungen leiten mich durch den Dialog. Wenn die Resonanz im Körper stark ist, weiß ich dass ich auf dem richtigen Weg bin.

      Und wenn sich etwas löst oder klärt, dann spüre ich es ebenfalls im Körper, der Druck geht runter, es fließt wieder und ich fühle mich in meinem Körper wieder zuhause.

      Liebe Grüße

      ck

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