Aschenputtel

Am Wochenende bittere Konfrontation mit der Realität. Ich in voller Pracht auf Video und Foto zu sehen. Ich konnte fast nicht hinschauen und war nur mit Abstrahieren beschäftigt. Um nicht richtig wahrzunehmen. Aber ich habe es trotzdem gesehen. Und ich habe auch die spontane Abneigung bemerkt, das Angewidertsein, die Scham.

Ich bin nicht anders zu nennen als dick. In meiner Vorstellung bin ich nur etwas rund, aber sicher nicht dick. Aber ich bin dick, eine dicke Frau. Gestern habe ich Tatort geschaut, da kam eine dicke Figur vor, und da habe ich realisiert, genau so dick bin ich auch, so sehe ich aus.

Was auch klar ist, ist dass ich es null angenommen habe, ich hasse mich in diesem Punkt. Klassische Pattsituation. Solange der Hass da ist, kann das Gewicht nicht gehen, und solange ich dick bin kann ich mich nicht lieben, also meinen Körper lieben.

Wenn ich das schreibe kommt mir in den Sinn, vielleicht doch, vielleicht kann ich meinen Körper einfach nur dafür lieben, dass er mein Körper ist und das alles mit mir mitmacht. Das geht. Aber anerkennen, dass das Gewicht notwendig ist, dass es mir das Leben gerettet hat, dass ich es offensichtlich immer noch brauche, das kann ich nicht.

Ich habe heute zwei Maria-Karten zu diesem Thema gezogen. Es kam Ehrlichkeit und Gesundheit. Die Karte Ehrlichkeit fordert mich dazu auf, mir meine wahren Gefühle bezüglich dieser Situation einzugestehen. Das genaue Hinschauen ist ein wesentlicher Aspekt bei der Heilung dieser Situation, steht da, und dass ich ein Recht habe auf diese Gefühle, sie sind weder richtig noch falsch.

Ich habe ein Recht auf diese Gefühle, das ist Balsam für mich. Denn genau das ist es, ich gestehe mir nicht jedes Gefühl zu, es darf nicht alles sein.

Welche Gefühle sind das?

Da ist Trauer, ich bin so traurig, dass ich so aussehe, da ist Scham, ich schäme mich für mein Gewicht, da ist Ekel, ich ekle mich vor mir, da ist Abscheu angesichts des Fetts, da ist auch Ausgegrenztsein, Anderssein, ein Versager sein, diejenige, die es nicht schafft. Alle anderen sind normal, nur ich bin dick. Warum bin gerade ich dick? Warum ich?

Das führt mich zur nächsten Frage: Wozu brauche ich immer noch das Gewicht?

Da kommt sofort: es erlaubt mir mittelmäßig zu sein, denn sonst würde der Perfektionsdiktator von mir verlangen übermenschlich zu sein.

Wenn ich dünn wäre, dann hätte ich unendlich viel Energie, ich würde liebend gerne aufräumen, ich würde mich mit allen verbunden fühlen und von vielen Menschen umgeben sein, mit denen ich gut umgehen kann, ich wäre eine geduldige, fürsorgliche und immer leistungsbereite Mutter, usw. usw. Die Superlative wollen gar nicht aufhören. Dies alles erwarte ich eigentlich von mir und das Gewicht ist da um mich zu retten. Es ist meine Ausrede.

Andererseits ist es aber auch so, dass wenn das Gewicht nicht wäre und all das wäre dann nicht so, dann hätte ich auch keinen Grund warum ich nicht gut genug sein kann, dann wäre ich konfrontiert mit der mir innewohnenden Mangelhaftigkeit, die sich durch nichts mehr erklären lässt.

Und dann ist da auch eine so starke Sehnsucht nach Beweglichkeit, Leichtigkeit, Schönheit, alles vertreten durch das Dünnsein.

Ich frage den Teil, der das Dicksein nicht akzeptieren kann. Was brauchst du von mir?

Ich brauche die Bereitschaft die volle Wahrheit zu sehen, genau so wie sie ist. Ich schütze dich nur, weil du es nicht sehen willst.

Was will ich nicht sehen?

Dass es so ist wie es ist, dass das Gewicht kein Makel ist, kein Dreck am Boden, dass nur mal weggesaugt werden müsste, sondern eine essentielle Notwendigkeit ohne die du noch nicht zurechtkommst, sonst wäre es nicht so.

Ja, das stimmt, das kann ich nicht annehmen, das treibt mir die Tränen in die Augen, wenn es so wäre dann wäre ich tief verletzt worden. Natürlich von meinen Eltern.

Und wenn das so wäre, was wäre dann?

Dann muss ich zugeben, dass sie einen Zugang zu mir gehabt haben, einen Schlüssel zu mir, dass sie mir offensichtlich mal so nahe standen, dass sie mich überhaupt so verletzen konnten.

Ja, und wenn das so wäre, was dann?

Dann wäre ich ganz schön dumm gewesen, solchen Leuten zu erlauben mir nahe zu sein.

Und wenn es so wäre, was dann?

Dann kann ich Menschen nicht einschätzen, dann kann ich mich nicht schützen, dann habe ich kein Urteilsvermögen.

Und dann?

Dann bin ich schutzlos ausgeliefert.

Und dann?

Dann vertraue ich Menschen die mir schaden und werde verletzt und vernichtet ohne Schuld.

Und dann?

Dann ist die Welt ein ungerechter Ort und es gibt keine Regel, nichts auf das man sich verlassen kann um sich zu schützen.

Ja, ich verstehe. Kannst du akzeptieren, dass wir als Menschen alle unseren ersten Bezugspersonen blind vertrauen?

Ja, das kann ich.

Kannst du akzeptieren dass das auch für dich gilt, dass du gar keine andere Option hattest?

Ja, das kann ich.

Kannst du dann sehen, dass es nicht dein Fehler war, dass sie dich so verletzt haben, sondern dass du gar keine Wahl hattest?

Ja.

Kannst du weiter sehen, dass dein Überlebensprogramm, zu dem auch das Gewicht gehört, dich zuverlässig und konsequent gerettet hat?

Ja, das kann ich.

Kannst du sehen, dass das Gewicht nicht dein Feind ist, niemals dein Feind war, sondern dein Freund, dein Helfer, dein Verbündeter?

Ja, das kann ich, es macht mich stark und schützt mich vor Verletzungen, es panzert mich, damit ich den Schwingungen der anderen nicht schutzlos ausgeliefert bin, es macht mich dicht, so dass die Energie der anderen an mir abprallt, es macht mich unempfindlich, so dass ich nicht so viel mitbekomme, weder von der Außenwelt noch von mir. Es wärmt mich auch, so dass ich niemanden brauche. Es macht mich schwer, so dass ich zur Ruhe komme.

Ja, ich die Dicke, helfe dir, so wie du mich lässt. Solange kein reifer Teil das Kommando innehat, muss ich helfen, es geht nicht anders.

Gefällt es dir denn hier? Willst du hier sein?

Ja, ich fühle mich ganz wohl.

Gehörst du hierher? Muss ich so sein?

Nein, nicht grundsätzlich, nur im Augenblick.

Das heißt, dein Platz ist grundsätzlich wo?

In dir, nicht auf dir.

Oh. Und wärest du lieber in mir als auf mir?

Na klar, auf dir zu sein ist ganz schön anstrengend, und außerdem stehe ich dann außerhalb.

Was brauchst du denn um reinzukommen?

Ich brauche Liebe, viel, viel Liebe und Vertrauen. Das ist die Priorität, dass ist die Lernaufgabe, die Liebe, stell dir die Frage viel öfter, verbinde dich mit der Liebe, mit dem Göttlichen wann immer es dir einfällt, in jeder noch so belanglosen Situation, auch wenn es ums Essen geht. Die Liebe führt in dir ein Schattendasein, das musst du akzeptieren, ein absolutes Aschenputtel ist die Liebe. Du lässt sie die Drecksarbeit machen, wenn du sie brauchst und sonst verbannst du sie in den Kamin. Du versprichst ihr alles mögliche wenn es dir gerade passt und dann denkst du nicht daran es einzulösen. Du nimmst sie immer noch nicht durchgehend ernst, du erkennst ihre überragende Wichtigkeit nicht ganz an, du hast noch Vorbehalte, du glaubst, du kannst es schnell abarbeiten und zum nächsten Schritt übergehen. Aber ich lasse mich nicht täuschen, ich bin das Klarste in dir, und nur in ein vollständig offenes Herz werde ich einziehen. Ob du das nun glaubst oder nicht, ob du das annehmen kannst oder nicht, es ist so, ganz egal was du davon hältst.

Das war jetzt deutlich, danke dafür, das braucht Zeit um zu sinken.

2 Gedanken zu „Aschenputtel

  1. Liebe C.,

    was für ein schöner Eintrag! Du bist auf so einem guten Weg. Du machst das schon! Das Gewicht wird schon gehen und in dir, nicht mehr auf dir sein.

    Ich bin nicht sicher, aber ich meine, dass heute ein besonderer Tag für dich ist?

    Falls nicht, dann einfach nur so alles Liebe und Gute für dich auf deinem weiteren Heilungsweg.

    Herzliche Grüße

    • Ja, du hast recht, es ist besonders und es geht weiter, irgendwie beschleunigt sich alles und jeder Tag bringt einen neuen, bisher unbekannten Aspekt.

      Schon sehr aufregend!

      Liebe Grüße

Kommentar verfassen