Alles ist erlaubt

Was muss ich heute wissen?

Das ist eine Übung um die Kommunikation mit der inneren Stimme, mit meiner liebevollen Führung zu stärken.

Ich halte inne und stelle mir den Wecker. Ich atme. Nach einer Weile höre ich ein ganz zartes Stimmchen: ‚Du darfst vertrauen. Du kannst aufhören dir Sorgen zu machen. Nichts ist gegen dich.‘

Wirklich? ‚Ja, wirklich.‘

Ich spüre Wärme und ein inniges Berührtsein. Hier spricht ein Wissen aus ganz tiefen Tiefen. Ich spüre Trost und Aufgehobensein. Ich bin niemals allein. Niemals.

Eigentlich hatte ich mich hingesetzt um die Niedergeschlagenheit anzuschauen, die mich seit gestern begleitet.

Gestern Abend wurde schon aus dem Nichts alles dunkel, ich habe, nach einer kurzen Phase des Widerstands, des Nichthabenwollens, dem Raum gegeben, habe dann viel geweint, es war die Trauer über das schwere Schicksal meiner Herkunftsfamilie. Ich sah viele Bilder, alles was sie haben überstehen müssen, alles was sie haben erleiden müssen. Ich konnte mich danach in voller Aufrichtigkeit vor dem Schicksal eines jeden einzelnen verneigen, das war mir ein Bedürfnis.

Heute morgen wache ich wieder etwas bedrückt auf. Und nun, fühle ich mich wieder angebunden, die Niedergeschlagenheit ist zu einer Ruhe geworden, einer Melancholie, die nicht bedrohlich ist. Weil nichts gegen mich ist.

Ich stelle fest, die Melancholie kommt in Wellen immer wieder, meistens ohne einen für mich ersichtlichen Grund. Mehr und mehr verstehe ist, dass sie dazu gehört, ein Teil meines emotionales Körpers ist. So wie mein physischer Körper, da er sehr beweglich ist, regelmäßig in alle Richtungen gedehnt werden will, also regelmäßig seine Reichweite spüren will, sonst schmerzt er, so will es auch der emotionale Körper. Er will regelmäßig in alle Richtungen gefühlt werden, seine Reichweite spüren, sonst schmerzt er. Einfach so, ohne Grund. Von der Melancholie zur Heiterkeit und wieder zurück. Wenn ich das zulassen kann, mich nicht in den Weg stellen kann, dann geschieht es von ganz alleine auf eine sehr berührende und innige Weise, und eine ganz ruhige Freude begleitet es.

Die Freude alles fühlen zu dürfen. Tatsächlich, ich verstehe nun was Michael Brown meint, wenn er sagt (frei übersetzt): ‚Wahre Freude (joy) ist alles fühlen zu dürfen.‘

Den ganzen Tag schon freue ich mich darüber, dass alles erlaubt ist. Schlecht fühlen, wütend sein, keine Lust haben, essen wollen ohne Hunger, müde sein, genervt sein.

Der erste Impuls, der, der mich schon mein ganzes Leben lang begleitet und leitet, ist es nicht zu wollen, mich dafür zu verurteilen und zu kritisieren und alles mögliche zu versuchen um es loszuwerden.

Ein paar Beispiele:

Ich will die Wäsche nicht waschen – ‚Stell dich doch nicht wieder so an, doch nicht jeden Tag dasselbe‘, als Ergebnis hasse ich die Wäsche noch viel mehr und fühle mich noch mehr gezwungen, manchmal geht es so weit, dass ich mich nicht in der Lage sehe in den Keller zu gehen.

Ich weiß nicht was ich tun soll – ‚Oh nein, alles ist sinnlos, jetzt weiß ich wieder nicht was ich tun soll‘, als Ergebnis bin ich frustriert, dass sich nichts ändert und fange an mich wegzubeamen, meistens mit Essen.

Ich bin genervt von den Kindern – ‚Du darfst nicht genervt sein, eine gute Mutter ist nicht genervt, sie hat immer Verständnis‘, als Ergebnis schäme ich mich so, dass ich keinerlei Kapazität mehr frei habe und die Kinder nur noch anschreie.

Heute habe ich mitten in diesem Selbstläufer-Programm innegehalten und mich erinnert dass ich alles fühlen darf, dass alles ok ist, dass mit mir nichts verkehrt ist und nur ich mir die bedingungslose Liebe geben kann, nach der ich mich sehne, ich dem ich mir immer Liebe gebe, egal was ich mache oder wie ich bin.

Die Wäsche bleibt eine unangenehme Tätigkeit, sie wird nicht plötzlich zu meiner Lieblingsbeschäftigung, aber, es ist nicht mehr verboten sie blöd zu finden, blöd finden ist erlaubt. Ich nehme mich bei der Hand und begleite mich dabei. Ich bin nicht mehr allein. Und dann finde ich mich wieder beim meditativen Wäsche-Aufhängen, weil ich vergessen habe sie blöd zu finden.

Ich weiß immer noch nicht was ich tun soll, aber auch das ist ok, wenn nichts an mir verkehrt ist, dann kann auch das nicht verkehrt sein. Boah, das ist so krass, irgendwie, nichts ist mehr falsch, ich brauche mich für nichts aber auch gar nichts mehr selbst niederzumachen. Ich freue mich, dass ich mich langweilen darf.

Bei den Kindern ist es am herausforderndsten, weil ich da handeln muss, irgendwie, rausnehmen geht nicht, ich erlaube mir das Genervtsein, das Nichtwissen, die falsche Reaktion. Es wird sofort warm und weich, als würde ich in ein warmes Becken eintauchen, der Kampf hört auf, ich brauche keine heftige Reaktion nach außen mehr, aber wenn ich eine hätte, dann würde ich sie mir verzeihen.

Es ist so unglaublich herrlich, wie im Paradies, sich selbst restlos zu verwöhnen, sich selbst zu behandeln, als sei man einfach immer in Ordnung, nichts ist verkehrt. Ich habe inzwischen richtig Spaß daran, das ist mein Lieblingsspiel zur Zeit, alles umdrehen, jede Kritik wird zur Erlaubnis, und auch die Kritik ist erlaubt, einfach alles, alles, alles. Wie abgefahren, wie schön, wie wundervoll.

Nichts ist schlimm, wenn ich es mir erlaube, nichts ist schlimm, wenn ich mich deswegen nicht allein lasse, nichts ist schlimm, wenn ich nicht aufhöre mit Liebe darauf zu schauen, alles, alles wird von einer grundsätzlichen Freude getragen, selbst unter Tränen.

Dieses Spiel spiele ich weiter.

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